Rot-Rot-Grün redet Mobbing klein

Anti-Mobbing-Experte Carsten Stahl im Gespräch

Foto: Privat
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Präventions-Coach Carsten Stahl (46) ist Deutschlands bekanntester Anti-Mobbing- und Gewalt-Experte. Als Kind wurde er selbst zum Opfer, später sogar zum Täter. Aus eigener Kraft schaffte er schließlich den Absprung und gründete den Verein CAMP STAHL, nachdem auch sein Sohn gemobbt wurde. BLICKPUNKT TS sprach mit dem Mann, der mit seiner bundesweiten Kampagne STOPPT MOBBING inzwischen auch aus Österreich und der Schweiz Seminar-Anfragen erhält und ausgerechnet in Berlin durch Rot-Rot-Grün blockiert wird.

In den vergangenen fünf Jahren haben mehr als 41.000 Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrkräfte Ihre Seminare besucht und täglich wächst Ihr Zuspruch. Wir erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Fragen Sie die Menschen in den Seminaren. Die Veranstaltungen sind auch für mich jedes Mal eine neue Herausforderung, im Ergebnis beeindruckend und sie geben auch Hoffnung. Fakt ist: Wir haben 500.000 bis 1 Million Mobbingfälle pro Woche an deutschen Schulen. Eine unglaubliche Zahl, denn das sind alles einzelne schambehaftete Fälle, die bis zu Wesensveränderungen und schwersten Depressionen führen können und auch nicht selten in Amokläufen oder mit Selbsttötungen enden.
Jahrelang schauten viele Verantwortliche in Deutschland weg. Und wenn Sie nach meinem Erfolgsrezept fragen, so liegt es vielleicht in erster Linie an meiner Authentizität. Ich habe alles selber durch: Ich war Opfer, Mittäter und Täter, gelangte auf die schiefe Bahn und kämpfte mich wieder selber raus. Ich weiß, wovon ich spreche, mache das deutlich und finde einen direkten Zugang zu den Kindern und Jugendlichen. Ich kann mich mit Ehrlichkeit, Offenheit, Herz, Verstand und Akzeptanz annähern. Wir sprechen eine Sprache, das verbindet. Der Weg ist nämlich das Ziel, und wer heilt, hat Recht.

Durch den noch ungeklärten vermutlichen Suizid eines 11-jährigen Mädchens aus Berlin wurden Sie aktuell wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit katapultiert. Wie gehen Sie damit um?

Es zerreißt mich fast vor Wut und Traurigkeit und macht mich fassungslos. Ich habe allein in den vergangenen Tagen über 2000 Mails von Kindern, Eltern, Lehrern, Sozialarbeiten und auch Schulleitungen mit Hilferufen erhalten. Meine Videos in den Netzwerken haben über drei Millionen Menschen erreicht, und das Schlimmste ist, dass ich seit Jahren vor Mobbing warne und seine Gefahren thematisiere. Im Ergebnis passiert vor allem in Berlin, aber auch in vielen anderen Großstädten nichts. Mobbing wird kleingeredet, verharmlost, Handlungen und Missstände gedeckelt und mein Präventionsansatz regelrecht blockiert.
Mittlerweile bin ich bundesweit unterwegs, erhalte großen Zuspruch und gebe inzwischen auch in Österreich und in der Schweiz Seminare. In Brandenburg arbeite ich mit dem Innen- und dem Bildungsministerium zusammen, in Sachsen-Anhalt mit Jugendämtern und mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Nur in Berlin boykottiert mich Rot-Rot-Grün mit allen Mitteln. Selbst an einer meiner ehemaligen Schulen, der Solling-Schule in Marienfelde, darf ich kein Seminar abhalten, weil sich die Mehrheit der Lehrer dort nicht traut, Mobbing zu thematisieren. Dabei ist bekannt, dass auch dort ein Problem besteht. Die Verantwortlichen haben Angst, den guten Ruf zu verlieren. Leute: Wir haben ein riesiges gesellschaftliches Mobbing-Problem in Deutschland. Wir können das nur gemeinsam verändern, und mein Präventionsansatz kann dabei helfen.

Klingt auch nach einem politischen Problem…

Zumindest in Berlin, das ist offensichtlich. Dabei fing es gut an. Es war ein Innensenator Frank Henkel von der CDU, der mich bei einem Seminar begleitete und so beeindruckt war, dass er 100.000 Euro Sofort-Hilfe für Camp Stahl e.V. bereitstellen ließ. Das war vor der Wahl 2016, doch ich hatte nicht mit dem Widerstand der dann zuständigen Bildungssenatorin Sandra Scheeres von der SPD gerechnet, die mich immer wieder blockte, mich ignorierte und versuchte, unserem Projekt das Geld vorzuenthalten. Auch Michael Müller, der mich 2016 besuchte und sich zunächst ebenfalls begeistert zeigte, machte einen Rückzieher. Von den 100.000 Euro wurden uns letztendlich nur 12.000 zur Verfügung gestellt – und das auch nur auf Nachdruck.
2018 hat der Senat 100.000 Euro mehr für Präventionsarbeit für Berlin investiert. Das waren 28 Cent mehr pro Schüler. Ein Witz. Zum Vergleich: Es werden mehrere Millionen Euro für unsere Pandabären ausgegeben, 180 Millionen für die Staatsoper, 300.000 Euro für Müllers Dienstwagen, und über BER will ich erst gar nicht reden.
Beim Thema Mobbing geht es um Menschenleben, und niemanden in diesem Chaoten-Senat interessiert das anscheinend. Frau Scheeres und einige andere Verantwortliche ihrer Behörde sind nicht in der Lage, die gewaltigen Mobbing-Probleme an den Schulen unter Kontrolle zu bekommen, und diesem Phänomen überhaupt mit nötigem Ernst und Aufmerksamkeit entgegenzutreten.

Wie bewerten Sie die Rolle der CDU?

Keine einzige Partei hat Mobbing in ihrem Programm etabliert – auch nicht die Union. Aber die CDU Berlin in ihrer Gesamtheit, ist inzwischen die einzige Partei, die sich in diesem Bereich aktiv einsetzt. Die Lichtenrader CDU-Abgeordnete Hildegard Bentele war die erste Politikerin überhaupt, die mein Seminar besuchte. Inzwischen waren Frank Henkel, Florian Graf, Burkard Dregger und auch Peter Tauber bei mir. Ich freue mich, dass die CDU inzwischen so massiv unterstützt – auch wenn deren Möglichkeiten als Oppositionspartei nicht so groß sind. Sie macht aber etwas. Es gibt auch SPD-Politiker in Berlin, die sich diesem Thema stellen, und mit denen ich schon wirklich sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Ich werde mit allen Parteien zusammenarbeiten – außer mit einer, weil sie in meinen Augen keine demokratischen Grundwerte vertritt.

Ihre größten Vorwürfe?

Lehrer und Sozialarbeiter sind im Bereich Mobbing schlecht bis gar nicht ausgebildet. Wir haben deutschlandweit 32.000 Schulen, von denen aus Angst vor einem schlechten Ruf, die Mehrheit behauptet, kein Problem zu haben. Auf Signale von Opfern wird nicht geachtet, Lehrereingaben werden nicht weitergeleitet, Eltern werden beschwichtigt, ja sogar mundtot gemacht, Probleme heruntergespielt. Selbst auf dem Berliner Präventionstag 2018, an dem ich teilgenommen habe, widmeten sich kein einziger Impulsvortrag oder Workshop für Lehrer und Sozialarbeiter des Themas Mobbing.
Die Senatsbildungsverwaltung hat meine Arbeit im April 2016 durch den schulpsychologischen Dienst begleiten und bewerten lassen. Das Ergebnis des Gutachtens war ein „Prädikat ausgezeichnet“ und ich wurde als „unbedingt empfehlenswert“ eingestuft. Dennoch wird meine Arbeit von Frau Scheeres, in deren Menschenbild ich wahrscheinlich wegen meiner offenen Worte nicht passe, geblockt, und sie versucht auch noch, die Schulen negativ gegen meine Arbeit zu beeinflussen.
Und denken Sie an die Amokläufe von 2002, 2009 und 2016. Auch von diesen Tätern wissen wir inzwischen, dass es sich um ausgegrenzte Schüler handelte und der Amokläufer von 2016, ein extremes Opfer von langjährigen Mobbing an seinem Gymnasium war und diese Beispiele zeigen auch auf, dass selbst Gymnasien betroffen sind. Die bilden keine Ausnahmen, allenfalls eine andere Art der Mobbingqualität. Schmerz und Ursachen bleiben dieselben.

Haben Sie einen bestimmten Fall, der Ihnen besonders nahe geht?

Alle sind schlimm, und ich war inzwischen auch schon auf vielen Beerdigungen.
Aber ja: Da gibt es aktuell ein 11-jähriges Mädchen, das im November 2018 aus dem siebten Stock eines Hochhauses in Marzahn gesprungen ist. Also ebenfalls in Berlin. Es hat schwerstverletzt überlebt. Dieses Mädchen ist eine Heldin. Die Schule sprach sofort von einer „beliebten Schülerin“. Das Gegenteil ist der Fall: Sie wurde massiv gemobbt. Und wieder will es jeder Verantwortliche schönreden, beziehungsweise Mobbing an der Schule als Ursache ausschließen. Aber dieses 11-jährige Mädchen kann noch reden! Es sitzt jetzt im Rollstuhl und möchte vor allem eines: Anderen helfen. Ich stehe mit der Familie in sehr engem Kontakt. Mehr möchte ich jetzt noch nicht sagen...

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat den Schulen 20 Millionen Euro für sogenannte Respekt-Coaches zur Verfügung gestellt. Ist doch schon einmal ein Schritt, oder?

Jeder Cent ist ein wichtiger Schritt gegen Mobbing. Frau Giffey ist aber auch ein gutes Beispiel für Veränderungen und Einsicht. Auch sie wollte mich einst, noch als Neuköllner Bürgermeisterin, an den Schulen ihres Bezirks verhindern. Heute stehen wir im Austausch über unsere Arbeit gegen Mobbing. Sie hat mit mir und anderen im vergangenen Jahr die Respekt-Coaches in einer Veranstaltung in Hannover vorgestellt. Warum bitte, verhält sich also der Berliner Senat so ignorant? Hat man Angst, andere könnten erkennen, dass eben nicht alles so problemlos und vorbildlich an den Schulen läuft, wie Frau Scheeres es uns einreden will?

Was raten Sie betroffenen Opfern und Eltern?

Wenn Ihr verletzt werdet- ob körperlich oder seelisch: Bitte handelt sofort, setzt ein klares Zeichen, sagt „Stopp“, sagt, dass Ihr das nicht wollt und akzeptiert, sucht Euch Unterstützer, die Euch beistehen und ganz wichtig: Verschweigt es nicht, bitte wendet Euch an die Lehrer, Sozialarbeiter und an Eure Eltern. Mobbing fängt oft harmlos an, wird immer stärker und wird nicht von alleine weggehen. Deshalb sprecht bitte mit jemanden über Eure Ängste und Probleme. Schämt Euch nicht und habt keine Angst, Euch anzuvertrauen. Bitte niemals einfach so hinnehmen und schweigen! Es geht um Euch, um Eure Seele und Würde. Ich sage Euch aus eigener Erfahrung: Es hört sonst niemals auf!
Den Eltern rate ich, frühzeitig auf Signale zu achten. Will Ihr Kind plötzlich nicht mehr zur Schule gehen, haben Sie den Eindruck, es stellt sich öfter krank oder schwänzt sogar die Schule? Leidet es oft an Bauchschmerzen? Fallen die Noten in kurzer Zeit? Wird Ihr Kind vielleicht immer stiller und zurückhaltender, will es nicht mehr richtig essen, oder fällt Ihnen auf, dass es unter Alpträumen oder Schlafstörungen leidet? Nässt Ihr Kind vielleicht ein? Dann sollten Sie wachsam sein und unbedingt mit Ihrem Kind reden, oder sich von einem Experten helfen lassen.
Das alles können Anzeichen dafür sein, dass etwas nicht stimmt. Und wenn sich ein Mobbingfall herausstellt, gehen Sie sofort zum Lehrer oder zur Schulleitung. Lassen Sie sich nicht abwimmeln oder das Problem Kleinreden oder sich mundtot machen. Es geht um die Gesundheit, um die Unversehrtheit des Kindes. Dafür sollten Sie sich mit aller Kraft einsetzen. Noch etwas: und wenn nötig, auch durch Behörden oder Organisationen unterstützen lassen.
Und noch etwas: Jeder, ob Opfer, Mitläufer, Täter, Eltern, Lehrer oder Schulleiter: Camp Stahl und „Stoppt Mobbing“ versuchen zu helfen, also habt keine Scham oder Angst, um Hilfe zu bitten. Wir schauen nicht weg. Und wer mich kennt, der weiß, dass das keine leeren Worte sind - was ja viele Menschen in ganz Deutschland, jetzt auch durch die traurigen Fälle an der Hausotter-Grundschule in Berlin, sehen oder lesen konnten.

Das Interview führte Carsten Schanz

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